Home/Schweizer Zeitschrift für Psychiatrie & Neurologie 03/2022/Frühe Traumata – gravierende Langzeitfolgen? - Auswirkungen von Misshandlung und Vernachlässigung in der Kindheit auf dem weiteren Lebensweg

Frühe Traumata – gravierende Langzeitfolgen? - Auswirkungen von Misshandlung und Vernachlässigung in der Kindheit auf dem weiteren Lebensweg

Traumatische Erfahrungen in der Kindheit haben direkten Einfluss auf Selbstwirksamkeit und Aufmerksamkeits-, Beziehungs- und Selbstregulation sowie Selbstwert- und Identitätsentwicklung, was die psychotraumatologische Forschung mit ihren Fortschritten immer besser belegt. Die Schwierigkeiten führen dazu, dass Menschen zentrale Entwicklungsaufgaben nicht bewältigen können und über ihre gesamte Lebensspanne in ihrer gesellschaftlichen Teilhabe beeinträchtigt sind. In diesem Beitrag wird ein kurzer Überblick über gravierende langfristige gesellschaftliche Folgen von Vernachlässigung und Misshandlung in der Kindheit gegeben und daraus eine Schlussfolgerung für die (kinder- und jugend-)psychiatrische und -psychotherapeutische Versorgung sowie fü die traumasensible Ausgestaltung von psychosozialen Hilfssysteme abgeleitet.

Marc Schmid16.6.2022

Merkpunkte:
  • Misshandlungs- und Vernachlässigungserfahrungen in der Kindheit sind bei psychiatrischen Patienten und ausserfamiliär platzierten Kindern und Jugendlichen eher die Regel als die Ausnahme.
  • Traumatische Erfahrungen beeinflussen die Beziehungserwartung zu allen Menschen, gerade auch zu psychosozialen Helfern und Therapeuten, was eine Herausforderung für die Behandlung darstellen und die Wirkung von psychotherapeutischen und pharmakologischen Interventionen reduzieren und zu Abbrüchen führen kann.
  • Traumatische Erfahrungen müssen daher zwingend bei der Therapie- und der interdisziplinären Hilfeplanung und der helfenden Beziehungsgestaltung berücksichtigt werden.
  • Ein standardisiertes diagnostisches Vorgehen (mit Anamnese und psychometrischen Testverfahren) könnte einen wichtigen Beitrag zumVerständnis der Entwicklung dieser Symptomatik leisten. Die Fragen nach Traumata werden in Studien nicht als belastend, sondern eher als unterstützend erlebt.
  • Bei der Gestaltung der Therapie sollte auf eine verlässliche Beziehung und auf eine ausreichende Beachtung des Kontrollbedürfnisses in der Therapiesituation durch die Patienten geachtet werden, z. B. indem das Vorgehen transparent erklärt wird und Wahlmöglichkeiten angeboten werden.
  • Evidenzbasierte Traumatherapien sind sehr wirksam, sie verbinden Psychoedukation, Erarbeitung eines Traumanarrativs, Expositionsbehandlung und Neubewertung mit Transfer in den Alltag mit einer Rückfallprophylaxe.
  • Trotz der hohen Wirksamkeit werden evidenzbasierte Traumatherapien im klinischen Alltag viel zu selten angewendet. Vermutlich sollte man mutiger sein, direkter zu behandeln, und die Rahmenbedingungen so gestalten, damit man diese Fälle effektiver behandeln kann. Oft lassen sich die Rahmenbedingungen im klinischen Alltag verändern, wenn man möchte.
  • Eine theoretische Ausbildung allein reicht offensichtlich nicht, um Expositionsverfahren sicher anwenden zu können. Hier braucht es ermutigende Strukturen und eine enge Super- vision in der Praxis, was vermutlich der zentrale Unterschied zu spezialisierten Trauma- ambulanzen/-stationen ist.
  • Ein sicherer Ort ist die Voraussetzung für die Aufgabe von wichtigen Überlebensstrategien und für das Lernen von neuen Verhaltensstrategien sowie für die persönliche Weiterentwick- lung. Deshalb müssen milieutherapeutische Angebote und Kooperationen traumasensibel ausgestaltet werden.
  • Um den Patienten trotz der heftigen Gegenübertragungsgefühle und der oft sehr herausfor- dernden Interaktionen korrigierende Beziehungserfahrungen vermitteln zu können, ist es notwendig, die Fachkräfte bei der Reflexion der Interaktion fachlich und emotional zu unterstützen.
  • Traumatische Erfahrungen führen zu Schwierigkeiten im Bereich der Aufmerksamkeits-, Selbstwert-, Emotions- und Beziehungsregulation, was die Entwicklung von verschiedenen komorbiden psychischen Erkrankungen erklären und wertvolle Hinweise für die Behandlungsplanung liefern kann.
  • Menschen mit traumatischen Erfahrungen konnten wichtige sozioemotionale Fertigkeiten in ihrem Herkunftssystem nicht erwerben und müssen lernen, diese Fertigkeiten mithilfe von korrigierenden Erfahrungen wie z. B. von psychosozialen Fachkräften zu kompensieren.
  • Viele traumatisierte Menschen benötigen konkrete lebensweltorientierte Unterstützung bei der Bewältigung von zentralen Entwicklungsaufgaben, insbesondere im Bereich der schulischen bzw. der beruflichen Integration und beim Aufbau von prosozialen Beziehungen zu Gleichaltrigen und bei Freizeitangeboten.
  • Um die Integration zu gewährleisten, ist eine enge und strukturierte Zusammenarbeit zwischen solchen traumasensiblen, lebensweltorientierten Hilfssystemen und evidenzbasierten psychiatrischen und psychotherapeutischen Angeboten notwendig. Der Aufwand für die Netzwerkarbeit in Abwesenheit der Patienten sollte adäquat gegenfinanziert werden, da er wesentlich zum Erfolg der Behandlung beiträgt.
  • Die Gewährleistung eines effektiven und effizienten Kinderschutzes ist als wichtigste präventive Investition einer Gesellschaft in ihre Zukunft anzusehen, da dadurch neben viel menschlichem Leid auch gravierende soziale Folgekosten vermieden werden können. Der Kinderschutz sollte deshalb eine stärkere Ausrichtung an wissenschaftlichen Erkenntnissen erfahren.
  • Intensive traumapädagogisch und familienorientiert ausgerichtete, ambulante und aufsuchende sowie ausserfamiliäre Hilfsangebote könnten helfen, den Teufelskreis der transgenerationalen Weitergabe zu durchbrechen.

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